{"id":6286,"date":"2023-09-05T21:23:29","date_gmt":"2023-09-05T19:23:29","guid":{"rendered":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/?p=6286"},"modified":"2023-09-05T23:13:14","modified_gmt":"2023-09-05T21:13:14","slug":"vivien-maier-dualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/2023\/09\/05\/vivien-maier-dualitaet\/","title":{"rendered":"Vivien Maier &#8211; Dualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Vivien Maier war zu Lebzeiten kein Stern in der Welt der Street Fotografie und manchmal werden Sterne auch im Nachhinein erschaffen. Vivian Maier f\u00fchrte ein Leben in \u201eDualit\u00e4t\u201c, mit kontr\u00e4ren Seiten, die nicht einfach kongruent \u00fcbereinander gelegt werden k\u00f6nnen. Die Nanny, mit franz\u00f6sisch-ungarischen Wurzeln, hielt ihre T\u00e4tigkeit als Fotografin, vor allem ihr Privatleben im Verborgenen. Zuf\u00e4llig wieder entdeckt hat Vivien Maier posthum Anerkennung und Aufmerksamkeit gefunden, aber auch ebenso viele Fragen aufgeworfen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2007 ersteigert John Maloof auf der Suche nach alten Stadtansichten in Chicago eine Kiste voller Negative. Unschl\u00fcssig was er damit anfangen soll und welche Qualit\u00e4t diese haben, ver\u00f6ffentlicht er etwa 200 Negative auf Flickr. Die Resonanz aus dem Web ist gro\u00df, so beschlie\u00dft Maloof die K\u00e4ufer der anderen Kisten ausfindig zu machen. W\u00e4hrend die Internetrecherche nach der Person von Vivien Maier ins leere l\u00e4uft, taucht 2009 ihr Name im Internet auf. Allerdings handelt es sich dabei um ihren Nachruf. Die alte Dame hatte 2008 einen Sturz, von welchem sie sich nicht mehr erholte. Vivien Maier, die in Armut starb und wohl mehrmals obdachlos war, hatte den Gro\u00dfteil von ihrer Habe eingelagert. Ohne bekannte Nachkommen soll der Lagerraum nun aufgegeben und die Habseligkeiten entsorgt werden. Maloof darf mitnehmen was er m\u00f6chte. Es wird klar, dass Maier nicht nur mehr als 100.000 Negative und unentwickelte Filme hinterlassen hat, sondern auch allerlei andere Dinge im \u00dcberma\u00df gesammelt und angeh\u00e4uft hat. Maier sammelte in Ihrem Leben neben Erinnerungsst\u00fccken vor allem Unmengen an Zeitungen, als wolle sie eines Tages die Schlagzeilen, Geschehnisse und Artikel in einem Zusammenhang mit ihren Negativen bringen. Ob \u00fcberhaupt ein Plan dahinter steckte? Systematik, Leidenschaft, Krankheitsbild oder Obsession? Maier hat es jedenfalls exzessiv getan. Aber wer war diese Vivien Maier?<\/p>\n\n\n\n<p>Vivian Dorothy Maier wird am 1. Februar 1926 in der Bronx von New York geboren. Die franz\u00f6sische Mutter Marie (geb. Jaussaud) wuchs bei ihrer Tante im franz\u00f6sischen Saint-Julien en Champsaur in den franz\u00f6sischen Alpen auf. Deren Mutter war bereits in die USA migriert, was ihre Tochter Marie ihr sp\u00e4ter ebenso nachtat. Dort lernt sie Charles \u201evon\u201c Maier, ebenso Sohn von Migranten mit ungarischen adligen Wurzeln aus der heutigen Slowakei kennen. Vivien sollte aber in einem schwierigen Beziehungsverh\u00e4ltnis zu ihrer Mutter, ihrem \u00e4lteren Bruder Charles Maier Jr. und auch ohne Vater aufwachsen. Marie kehrte mit ihrer Tochter nach Frankreich, dann doch wieder in die USA zur\u00fcck. Viviens Kindheit und das Verh\u00e4ltnis zu ihrer Familie scheint ambivalent. Vielleicht finden sich darin die Urspr\u00fcnge der Eigenarten einer Frau, die unverheiratet und kinderlos blieb. Vivien kehrt als junge Frau nach Frankreich zur\u00fcck und f\u00e4ngt wohl zu diesem Zeitpunkt an sich mit Fotografie auseinanderzusetzen. Zur\u00fcck in New York arbeitet sie kurz in einer Fabrik, um fortan als Nanny und Haush\u00e4lterin zu arbeiten. Das Leben von Vivian Maier war gepr\u00e4gt von Dualit\u00e4t. W\u00e4hrend sie als Nanny und Haush\u00e4ltnerin tief in das Leben der Familien eintaucht, schirmt Maier ihr Privatleben ab. Dualit\u00e4t spiegelt sich auch in den Beschreibungen ihrer ehemaligen Sch\u00fctzlinge wieder, welche die Einzelg\u00e4ngerin ganz unterschiedlich von liebevoll f\u00fcrsorgend, exzentrisch, zur\u00fcckgezogen, dreist bis hin zu unberechenbar beschreiben. Zwischen den Beschreibungen liegen aber auch Jahre und Jahrzehnte, in welchen die Nanny von Familie zu Familie weiterzog. Selbst ihren Namen schreibt sie in unterschiedlichen Varianten oder ist im Zweifelsfall einfach Mrs. \u201eSmith\u201c. Von den H\u00e4usern und G\u00e4rten der Vorstadt, in denen sie als Nanny arbeitete zieht es die Frau w\u00e4hrend und nach ihrer Arbeit in die Stadt. Die Faszination, die die Stra\u00dfe auf sie aus\u00fcbte, f\u00fchrte zu einer beeindruckenden Bandbreite von Bildern, die das menschliche Leben mehrerer Jahrzehnte einfangen: Kinder beim Spielen, Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit, einsame Gestalten in der Menge, Armut, Gewalt, Beziehungen zwischen Mann und Frau. Immer wieder dabei sind Selbstportraits, das Spiel mit Reflexionen, welche die Frau hinter der Kamera mit ihrer Rolleiflex, sp\u00e4ter auch mit anderen Kameras zeigen. Die hochgewachsene Frau im M\u00e4nnerhemd, Stiefeln, einem Mantel, Hut ist bereits zur damaligen Zeit ungew\u00f6hnlich gekleidet und wirkt entr\u00fcckt. Obwohl Vivien Maier \u00fcber Jahrzehnte mehrere Filmrollen pro Tag belichtet haben muss, hatte sie auch die F\u00e4higkeit diese T\u00e4tigkeit vor anderen zu verbergen. W\u00e4hrend sie f\u00fcr manche die \u201eFrau mit der Rollei\u201c war, ahnten andere \u00fcberhaupt nichts von ihren fotografischen Streifz\u00fcgen. Viele Filme blieben unentwickelt und von den zahllosen Negativen wurden nur seltenst ein Print hergestellt. Ihre Ergebnisse sah sie allenfalls als Negative, sehr viele gar nicht. Gerade die \u201cUn\u201c-Menge macht heute eine Sichtung, einen Gesamt\u00fcberblick, eine Bewertung und Einordnung ihrer Arbeit nicht einfacher. Hinzu kommen noch Film und Tonbandaufnahmen, welche ebenso ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen.  <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend manche Vivien Maier im gleichen Atemzug mit Gr\u00f6\u00dfen der Street-Fotografie wie Diane Arbus nennen, gibt es auch Fragen und kritische Stimmen. Ab wann beginnt ein Werk, beim Negativ oder erst beim Print? Geh\u00f6rt Maier zu jenem K\u00fcnstlern, denen der Prozess, also der Weg dahin wichtiger war, als ein Ergebnis? Ist ein post mortem hergestellter Print noch ein Original? Wer entscheidet \u00fcber die Auflage? Wer entscheidet \u00fcber Auswahl, Pr\u00e4sentation und Postproduktion des Materials? Was w\u00e4re im Sinne der K\u00fcnstlerin? Heute drehen sich vielleicht viel zu viele Fragen um Vivien Maier nach der Vermarktung, den Urheberrechten, Regeln des Kunstmarkts, der Suche nach Angeh\u00f6rigen, der Einordnung von Vivien Maier und auch um ethische Fragen der Aufmerksamkeit um die Person, welche die Urheberin vielleicht sogar abgelehnt h\u00e4tte. So bleibt Arbeit und Leben von Vivien Maier ein Mysterium oder wird dieses auch gemacht? Ging es Maier vielleicht mehr um den Akt des Fotografierens selbst, als um das Ergebnis? War es Leidenschaft, Konsequenz oder schon Obsession? Was h\u00e4tte Vivien Maier selbst gewollt? Braucht k\u00fcnstlerisches Tun einen Betrachter oder eine \u00f6ffentliche Resonanz um als Kunst anerkannt zu sein? Die Geschichte von Vivian Maier ist eine Geschichte von einer Arbeit im Verborgenen. Mit den internationalen Ausstellungen, den B\u00fcchern, Katalogen und Filmen kommt nun die Beachtung, welches die Arbeiten und auch die Person umfasst. <\/p>\n\n\n\n<p>*Illustration des Blogbeitrags Rainer Leyk, KI generiert mit Midjourney <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vivien Maier war zu Lebzeiten kein Stern in der Welt der Street Fotografie und manchmal &hellip; <a href=\"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/2023\/09\/05\/vivien-maier-dualitaet\/\" class=\"more-link\"><span>Continue reading<span class=\"screen-reader-text\">Vivien Maier &#8211; Dualit\u00e4t<\/span><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6381,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[625,627,624,623,622,620,621,619],"class_list":["post-6286","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-fotografin","tag-kritik","tag-kuenstlerin","tag-maloof","tag-new-york","tag-streetfotografie","tag-streetphotography","tag-vivien-maier"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6286"}],"version-history":[{"count":74,"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6286\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6394,"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6286\/revisions\/6394"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6381"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/altglasfieber.de\/altglas\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}