Gustavo Mosquera R., geboren 1959 in Buenos Aires, ist ein argentinischer Regisseur, Drehbuchautor und Professor, der vor allem durch den Film „Moebius“ internationales Aufsehen erregte. Mosquera begann seine Karriere als Filmemacher in den späten 1980er Jahren und entwickelte sich rasch zu einer Schlüsselfigur im argentinischen Independent-Kino. Als Dozent an der Universidad del Cine in Buenos Aires führte er mit einem Team von 45 Studenten die Produktion von Moebius durch. Die enge Zusammenarbeit und Eigendynamik mit den Studierenden, die kreative Freiheit einer Universitätsproduktion, das geringe Budget von nur 250.000 Pesos führten zu einem außergewöhnlichen Filmprojekt. Der Film ist auch heute ein faszinierender und vielfach ausgezeichneter Science-Fiction-Thriller mit gesellschaftlichen und politischen Metaphern, aber auch ein inspirierendes Beispiel für den kreativen Einsatz analoger Kameratechnik statt digitaler Postproduktion oder computergenerierter Effekte. Der Film basiert auf der Kurzgeschichte „A Subway Named Moebius“ des amerikanischen Astronomen Armin Joseph Deutsch, die 1950 im Magazin Astounding Science Fiction veröffentlicht wurde. Darin wird das Konzept eines Möbiusbandes als Metapher verwendet, um die räumliche Komplexität eines städtischen U-Bahn-Systems zu veranschaulichen. Die Geschichte spielt in Boston und beschreibt, wie das Netz durch den Bau einer neuen Linie so verworren wird, dass es eine topologische Grenze erreicht. Ein Zug verschwindet dabei auf rätselhafte Weise, da das übermäßig vernetzte System eine zusätzliche Dimension erschafft, eine mathematische Schwelle erreicht, in der die gewohnten Gesetze vonRaum und Zeit nicht mehr gelten. Gustavo Mosquera R. adaptierte diese Geschichte und erweiterte sie um gesellschaftliche und politische Metaphern. Die Handlung spielt im Untergrund von Buenos Aires und erzählt das Verschwinden eines Zuges in einem verwirrenden U-Bahn-Labyrinth. Drehort war die Station San José der Linie E, die über einen Instandhaltungsbereich verfügt. Im Verlauf der Dreharbeiten wurde die Station mehrfach umgestaltet und erscheint im Film als die fiktiven Stationen Bourges, Ciudad Universitaria, Parque Uno und Parque Dos. Als der Zug UM86 im geschlossenen System verschwindet, versucht die Leitung des Verkehrsunternehmens, den Vorfall geheim zu halten. Der Geisterzug scheint jedoch aktiv zu bleiben, da die Bahnsignale weiterhin auf seine Präsenz hindeuten. Anstelle des verantwortlichen Architekten wird der junge Topologe Daniel Pratt entsandt, um die Ursachen des Verschwindens zu untersuchen. Topologie ist ein Bereich der Mathematik, der sich mit den Eigenschaften von Objekten befasst, die unter kontinuierlichen Verformungen wie Strecken, Verdrehen oder Stauchen unverändert bleiben. Diese Eigenschaften sind unabhängig von der Form oder Größe des Objekts und beziehen sich auf dessen grundlegende Struktur im Raum. Pratt ist von der chaotischen Struktur des U-Bahn-Netzes, das durch neue Linien immer komplexer wurde, zunehmend irritiert. Die Streckenpläne sind jedoch aus dem Archiv verschwunden. Seine Nachforschungen führen ihn in die verlassene Wohnung seines ehemaligen Professors Dr. Mistein, wo er auf das junge Mädchen Abril trifft. Die Pläne und Aufzeichnungen, die er dort findet, führen ihn zu einer Theorie, die auf der Topologie basiert. Er vermutet, dass das U-Bahn-Netz die Struktur von einem Möbiusband angenommen hat. Ein Möbiusband ist eine zweidimensionale Fläche, die nur eine einzige Seite und Kante hat. Diese ungewöhnliche Struktur entsteht, wenn ein rechteckiger Papierstreifen um 180 Grad verdreht und an den Enden verbunden wird, sodass ein fließender Übergang zwischen den Seiten entsteht, tatsächlich gibt es nur eine Seite. Das Möbiusband, das 1858 unabhängig voneinander von den Mathematikern August Ferdinand Möbius und Johann Benedict Listing entdeckt wurde, stellt ein Paradoxon dar, da es unser übliches Verständnis von Innen und Außen herausfordert. Es wird oft als Modell für Unendlichkeit und räumliche Orientierungslosigkeit verwendet. Pratt glaubt, dass UM86 auf einen „Knoten“ gestoßen ist und sich nun auf dieser unendlichen Schleife bewegt, ohne in der physischen Realität greifbar zu sein. Obwohl die Leitung und Behörden seine Theorie als abwegig abtun, gewinnen seine Annahmen zunehmend an Plausibilität. Im Verlauf des Films wird die Atmosphäre beklemmender, da sich die Figuren immer tiefer in das undurchsichtige System der U-Bahn verstricken. Nachdem Pratt auf den Gleisen fast verunglückt, steigt er nach Betriebsende in der fiktiven Station Bourges in die UM86 ein. Die verschwundenen Passagiere scheinen sich in einer Art Trance zu befinden. Pratt begegnet im Führerstand seinem alten Professor Dr. Mistein und wird von der Desorientierung der Unendlichkeit erfasst oder vielleicht dem Schwindel der eigenen Machtlosigkeit? Die UM86 taucht verlassen mit Pratts Notizbuch wieder auf, jedoch wiederholt sich die Geschichte. So endet der Film mit mehr offenen Fragen, die das Publikum dazu anregen, über die Grenzen von Raum, Realität, Hierarchien und sozialen Rollen nachzudenken. In Moebius verarbeitete Mosqueraverschiedene Metaphern. Die Hierarchien und Machthaber im Film symbolisieren autoritäre und diktatorische Strukturen, die versuchen, unbequeme Wahrheiten zu unterdrücken. Menschen, die eine Ahnung von der Wahrheit haben, jedoch aus Angst lieber schweigen. Die Jugend wie Abril, welche die Wahrheit intuitiv spürt, aber zu jung ist, um Gehör zu finden. Schwierigkeiten, denen Einzelpersonen in rigiden Systemen begegnen. Dr. Mistein hingegen verkörpert die Rolle desjenigen, der die Wahrheit kennt, aber auch weiß, dass sich Geschichte trotz besseren Wissens wiederholt. Die Möbiusschleife fungiert daher weniger als Symbol der Unendlichkeit, sondern vielmehr als Ausdruck einer sich ständig wiederholenden Realität, aus der es für die meisten kein „Erwachen“ und damit auch kein „Entkommen“ gibt. Mosquera hat mit seinen Studenten nicht nur eine bemerkenswerte filmische Leistung erbracht, sondern auch eine tiefere soziale und politische Reflexion geschaffen, die universell resoniert. Der Film befasst sich mit Themen wie individueller Isolation, institutioneller Ignoranz und dem oft übersehenen inneren Leben derjenigen, die versuchen, in einem unflexiblen System Gehör zu finden. Die im Film dargestellten Dynamiken und das Gefühl der Unentrinnbarkeit wirken sowohl auf Argentinien als auch auf globale gesellschaftliche Strukturen bezogen und vermitteln das Gefühl einer ständigen Wiederholung von Machtstrukturen und persönlichen Tragödien, wie sie in der Möbiusschleife symbolisiert sind. Gustavo Mosquera R. entschied sich bewusst für den Einsatz analoger Kameratechnik, um den visuellen Stil des Films zu prägen. Als Hauptkamera diente eine 35mm ARRI Arriflex IIC. Hinzu kam ein 35mm ICA Kinamo ohne Federmotor mit einem Carl Zeiss Jena Tessar 4cm f3.5-Objektiv aus den 1920er Jahren. Mosquera erstand die Kamera für nur 100 Pesos in einem Antiquitätenladen im Stadtteil San Telmo in Buenos Aires. Die Verwendung beider Kameras verleiht dem Film eine handgemachte und authentische Qualität. Während zeitgenössische Produktionen bereits große Summen für computergestützte Effekte und Renderings aufwendeten, wurden in Moebius alle Effekte handwerklich und analog, Bild für Bild erstellt. Der ICA Kinamo ist bis heute eine äußerst kompakte Kamera für 35mm Cinefilm. Ideal um auf den Dächern der Züge neben Hochspannungsleitungen oder in engen U-Bahn-Bereichen eingesetzt zu werden, wo herkömmliche 35mm-Kameras gar keinen Platz hatten. Deshalb wurden die Zeitrafferaufnahmen der Kamerafahrten im U-Bahn-Netz mit dem Kinamo realisiert. In Moebius wurde dieser entsprechend modifiziert, was entscheidend zur surrealen Atmosphäre des Films beiträgt. Eine volle Handkurbelbewegung entspricht bei diesem Modell entweder einem, beziehungsweise acht Frames. Statt Nutzung der Handkurbel wurde die Kamera ohne Federmotor mit zwei Motoren und einem Zahnriemen angetrieben. Damit sind automatische Auslösungen in festgelegten Zeitintervallen und Übersetzungen von 1fps, 2fps oder noch langsamer möglich.Film Still aus Moebius Kamerafahrt Kinamo? In der zentralen Schlussszene des Films, in der Daniel Pratt auf seinen Professor trifft, werden die mit dem Kinamo aufgenommenen Zeitrafferaufnahmen im Film gezeigt, aber auch während des Dialogs zwischen Pratt und seinem ehemaligen Professor in den Hintergrund projiziert. Die reale U-Bahn, die bei den Dreharbeiten im Wartungsbereich stillstand, scheint sich durch die Kombination von Projektion, Beleuchtungseffekte und Schaukelbewegungen mit unglaublicher Geschwindigkeit fortzubewegen, während im Inneren der U-Bahn der Eindruck von einem anderen Zeitgefüge herrscht. Der Film vermittelt so den Eindruck, dass die Personen und die U-Bahn sich in einer Realität bewegen, die den üblichen Gesetzen von Zeit und Raum entzogen ist. Der Einsatz vom Kinamo als modifizierter Intervalometer demonstriert die kreativen Möglichkeiten dieser Kamera und unterstreicht ihre Flexibilität für experimentelle Effekte, die perfekt zur surrealen und philosophischen Tiefe des Films passen. Die handwerklich anspruchsvolle Technik hebt den Film von anderen Produktionen ab, da sie eine physische Interaktion mit dem Filmmaterial erfordert, die heute im Zeitalter digitaler Bearbeitung selten geworden ist. Mit diesen künstlerischen und technischen Entscheidungen bleibt Moebius nicht nur ein Meisterwerk des argentinischen Kinos, sondern auch ein Beispiel dafür, wie traditionelle Filmtechnik in einer zunehmend digitalen Welt weiterhin an Bedeutung gewinnen kann. Der Film vermittelt nicht nur eine spannende Handlung und differenzierte Metaphorik, sondern zeigt auch eine besondere Wertschätzung für die analoge Filmtechnik und deren Möglichkeiten in einer damals bereits zunehmend digitalen Welt. Moebius beweist, dass analoge Technik, kombiniert mit modernen Erzählweisen, eine starke visuelle Wirkung entfalten kann und auch heute noch künstlerisch wertvoll ist. Der Film erhielt internationale Anerkennung und gilt als argentinischer Kultfilm und darüber hinaus. Er wurde im New Directors/New Films-Programm des Museum of Modern Art in New York präsentiert, wo Mosquera 1997 ausgezeichnet wurde. Neben Moebius arbeitete Mosquera an anderen Projekten wie Lo que vendrá (1988) und Radio Olmos (2019), die ebenfalls surrealistische und gesellschaftskritische Themen behandeln. Sein Werk reflektiert eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der sozialen und politischen Realität Argentiniens, was ihn zu einem bedeutenden Vertreter des lateinamerikanischen Kinos macht. Mosqueras Werk zeigt, dass es manchmal gerade die Einschränkungen der Technik und auch Budget sind, die dann zu neuen und unerwarteten kreativen Lösungen führen können. Dies sollte inspirieren.
ICA Kinamo im Film „Moebius“
