Yashica FR – Contax RTS für Arme?

Die Traditionsmarke Zeiss Ikon hat mit Innovationen anderer Hersteller zu kämpfen und steckt damit wie andere renommierte deutsche Kamerahersteller auch in der Krise. 1972 wird die Kameraherstellung vollständig eingestellt. Carl Zeiss sucht daraufhin nach neuen Kooperationspartnern für Objektive im Kleinbildbereich. Diesen Partner findet sich im fernen Japan bei der Firma Yashica. Die 1949 gegründete Firma, in den Anfängen noch als Yashima Seiki K.K bekannt, ist vielen durch zweiäugige TLR Kameras wie der Yashica MAT oder durch die Messsucherreihe Yashica Electro 35 bekannt.

Nachdem Verhandlungen mit Pentax nicht erfolgreich abgeschlossen werden konnten, kommt es zur Kooperation zwischen den Japanern von Yashica und dem deutschen Traditionsunternehmen Carl Zeiss. Diese entwickeln gemeinsam unter dem noch geheimen Arbeitstitel „Projekt 130“ eine neue SLR. Dabei handelt es sich um ein Erfolgsrezept aus bekanntem Markennamen, sprichwörtlicher optischer Tradition und Innovationskraft aus Fernost. 1974 wird diese neue Kamera als Contax RTS vorgestellt. Nebenbei bemerkt einem Jahr, in welchem Präsident Richard Nixon aufgrund der Watergate-Affäre das Weiße Haus verlässt und Helmut Schmidt neuer Bundeskanzler der BRD wird. Mit der namensgebenden Abkürzung RTS ist das „Real Time System“ gemeint, welches die fast verzögerungsfreie Auslösung in „Echtzeit“ beschreibt. Die Contax RTS war eine der ersten Kameras mit rein elektrischer Zeitenbildung und elektro-magnetischem Auslösung. Die Firma Porsche ist für das Designkonzept ebenso mit an Bord, um mit einem exklusiven und innovativem Design die Contax RTS zum Designklassiker zu machen. Vom Konzept richtet sich die Kamera in Anspruch und Qualität klar an Berufsfotografen. Ein Jahr später läuft bei Yashica aber nicht nur die Contax RTS, sondern auch die in vielen Komponenten und von der Grundkonstruktion baugleiche Yashica FR vom Band. Mit nur 1/1000 statt 1/2000 kürzester Verschlusszeit ist die FR etwas langsamer. Auch mit dem Verzicht auf das elegante Porschedesign, dafür mit einem eckig kantigen puristischen Design, welches sich auch noch heute in silber oder wie hier in schwarz sehen lässt. Verarbeitungsqualität und Haptik der FR können durchaus überzeugen. Im Gegensatz zum wenig später vorgestellten Nachfolger FR1, fehlt der FR nicht nur der Filmetikettenhalter auf der Rückseite, sondern auch die zusätzliche „Auto“ Zeitblendenautomatik. Beworben wird die FR-Reihe als „Die schnellen Drei in CONTAX-Technologie“. Die FR als „Manuell“, die FRI als „Automatisch+Manuell“ und die FRII als „Automatisch“. Die FRII hat den manuellen Modus verloren und richtet sich in der Werbung an jene, die sich „perfekte Fotos wünschen, ohne sich mit Technik zu belasten“. Entsprechend ist die FRII für jene weniger interessant, welche manuell oder halbautomatisch fotografieren möchten. Während sich beim linken Wahlrad der FR lediglich die Filmempfindlichkeit in ASA oder DIN einstellen lässt, bietet die FR1 an gleicher Stelle noch Möglichkeiten zur Belichtungskorrektur.

Der Zustand der Batterie, wird bei der FR und FR1 durch leichten Druck auf den „Battery Checker Button“ angezeigt. Während bei der FR1 das Bildzählwerk beleuchtet wird, informiert bei der FR lediglich eine schlichte rote LED über die aktuelle Stromversorgung. Die Farbe Rot signalisiert in diesem Sinne heute etwas ungewohnt nicht „leer“. LEDs waren zu dieser Zeit in der Regel meist einfach in dieser Farbe erhältlich. Während rein mechanische Kameras vollständig ohne Batterie auskommen oder wenigstens noch eine bestimmte „Not“-Verschlusszeit anbieten, funktioniert hier tatsächlich nichts mehr. Die Verschlusszeiten von Bulb bis 1/1000 werden elektronisch gebildet und auch der Auslöser ist elektro-magnetisch.

Wer daher eine gebrauchte Kamera in die Hand bekommt, sollte nicht irritiert sein, wenn diese vermeintlich rein mechanische Kamera nach jahrzehntelanger Nichtbenutzung sich weder spannen noch erwartungsgemäß auslösen lässt. Auch der kurze Druckpunkt des Auslösers ist erstmal gefühlt „anders“ als erwartet. In diesem Falle waren die Batteriekontakte der ansonsten makellosen Kamera kaum sichtbar korrodiert, was in weniger als einer Minute wieder behoben werden konnte. Als Spannungsquelle dient heutzutage statt der 6V Silberoxidbatterie eine leicht erhältliche 4LR44 oder eine PX28. Noch schneller zur Hand dürften vier aufeinander gestapelte LR44 Knopfzellen sein, welche in jedem gut sortiertem Supermarkt erhältlich sind. Die TTL-Belichtungsmessung wird mittels Schiebeschalter unterhalb des Filmtransporthebels aktiviert. Je nach Stellung des Transporthebels wird die Belichtungsmessung dauerhaft aktiviert oder ebenso wieder ausgeschaltet. Im Sucher werden Blende wie Verschlusszeit angezeigt. Die korrekte Belichtungszeit wird durch eine LED-Lichtwaage empfohlen.

Wie auch mit dem„Real Time Winder“ für die CONTAX RTS, ist für die FR-Reihe ein Winder erhältlich. Bestückt mit sechs AA Batterien, leistet dieser zwischen den Verschlusszeiten von 1/60 bis 1/1000 immerhin zwei Bilder pro Sekunde. Als Zubehör ist ein mittels drei Kontakte einsteckbarer Intervall-Timer aus dem Hause Contax erhältlich, welcher es erlaubt Intervallaufnahmen im Abstand von 1 bis 120 Sekunden aufzunehmen.

Der heute sehr attraktive Gebrauchtpreis um 50,- Euro und bei guten Zustand auch mehr, eröffnen einem durch das C/Y-Bajonett einen Zugang zu einer vielseitigen und sehr guten Objektivwelt. Zum einen können die relativ preiswerten aber guten Objektive von Yashica verwendet werden, ebenso wie ein Planar oder Tessar aus dem Hause Carl Zeiss.

Hier gezeigt und getestet mit einem Yashinon 50mm f.1.7 ML und Yashica Winder. Beim ML handelt es sich um kein teures Hochleistungsobjektiv. Dennoch genießt gerade die Reihe der Prime ML Objektive, insbesondere das 1.7er, in Verarbeitung, Haptik und Abbildungsqualität einen sehr guten Ruf. Vom Aufbau basiert das Objektiv auf dem sechslinsigen Planar von Carl Zeiss.

  • ML Multicoated
  • 6 Blendenlamellen
  • Blendenstufen 1.7 – 2 – 2.8 – 4 – 5.6 – 8 – 11 – 16
  • Naheinstellgrenze von 50cm
  • Contax / Yashica Bajonett

Als Konkurrenzprodukt konnte sich das „Projekt 130“ im Vergleich zu einer Nikon F2 nicht durchsetzen. Dennoch handelt es sich bei der Contax RTS um ein interessantes Modell mit ebenso interessanten Nachfolgern. Aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten, sollte man der Yashica FR und FR1 ebenfalls entsprechende Beachtung schenken. Auch die bisher unerwähnte FX1 aus dem Jahre 1975 und deren Nachfolger verwenden das C/Y-Bajonett, sind aber etwas unter der FR-Serie angesiedelt. Mir persönlich ist die etwas schwerer zu findende FR mit ihrer einfacheren Ausstattung lieber. Ob FR oder FR1 ist aber letztlich eine Wahl des persönlichem Geschmacks und Bedarfs.

Weitere Testfotos unter dem Album bei flickr https://flic.kr/s/aHsmXdqDYZ

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