Voigtländer Brillant – Masse oder Klasse?

Die Brillant, eine TLR Kameraserie der 30er Jahre aus dem Hause Voigtländer. Erst aus Metall, dann aus dem damals hochmodernen künstlich hergestellten Bakelit gefertigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte das Modell als Beutekamera ins ferne Leningrad, um dort von GOMZ, später LOMO, noch Jahrzehnte weiter produziert und verbessert zu werden. Dies ist aber bereits wieder eine „andere“ zu erzählende Geschichte der frühen Komsomolets und Serie der Lubitel. Bei der Brillant handelt es sich im Gegensatz zu einer Prominent oder einer Bergheil um eine Massenkamera. Aufgrund der einfachen Bauweise schnell als Mimikry, billige Kopie von Rollei oder als aufeinander gestapelte Boxkamera bezeichnet.

Zwischen Rollei und Voigtländer gab es diesbezüglich der äußerlichen Ähnlichkeiten auch patentrechtliche Auseinandersetzungen. Dabei sei auch kurz erwähnt, dass es sich bei den beiden Gründern von Rollei, Heidecke und Franke, um ehemalige Mitarbeiter von Voigtländer handelt. Allerdings lässt sich Ausstattung wie Qualität einer Rolleiflex nicht mit einer Brillant vergleichen. Stattdessen sollte ein Blick auf den Adressatenkreis und auch Interessen der Filmindustrie geworfen werden. Kodak erkannte mit der „Brownie“ schon früh, dass Geld nicht unbedingt mit Kameras, sondern vor allem mit Verbrauchsmaterial, Chemikalien und Laborleistungen verdient wird. Ein vergleichbares Beispiel aus heutiger Zeit sind Tintenstrahldrucker. In der Anschaffung sehr kostengünstig, im Betrieb mit Originaltinten aber dann etwas teurer sind. Um Fotografie aus einer Nische in die Bevölkerung zu bringen und einen entsprechenden Bedarf zu generieren mussten Kameras erschwinglich sein. Als Verbrauchsmaterial bewarb man dann die Verwendung hauseigener Produkte, beispielsweise durch Anbringung eines Klebebildes im Innern der Kamera.

Auf den ersten Blick handelt es sich bei der Brillant tatsächlich nur um zwei aufeinander gestapelte Boxkameras. Allerdings im Vergleich zu den meisten Boxkameras ihrer Zeit mit wesentlichen Verbesserungen und besserer Ausstattung. So bietet der Verschluss bietet mehrere Verschlusszeiten an. Anstelle eines einlinsigem Meniskus oder zweilinsigem Periskop werden mindestens dreilinsige Objektive verbaut. Mit den späteren Modellen kamen weitere Verschlüsse und hochwertigere Objektive hinzu. Die Objektive sind nicht vergütet und entsprechend wegen chromatischer Aberrationen mehr für die Schwarzweißfotografie gedacht. Aufgrund der fehlenden Vergütung sind die Objektive sind auch noch anfälliger gegenüber Streulicht. Der Modellname Brillant ist nicht willkürlich gewählt, sondern kommt vom überdimensionierten Brillantsucher. Man blickt etwa nicht wie gewohnt auf eine Mattscheibe, sondern auf eine überdimensionierte Feldlinse eines Brillantsuchers wie man diesen schon von Plattenkameras oder den ersten Mittelformatkameras her kennt . Dieser liefert im Gegensatz zu einer Mattscheibe noch kein fokussierbares, dafür im Vergleich ein extrem helles und klares Sucherbild. Der Sucher zeigt nicht das volle Aufnahmeformat von 6×6, sondern mit 4×4 Zentimeter lediglich 2/3. Zur Entfernungsabschätzung sind vier pfeilartige Markierungen vorhanden. Aufnahme und Sucherobjektiv blieben bei der Brillant bis zum letzten Modell, der „S“, noch ungekuppelt. Damit ist die Kamera vor allem für Zonenfokus oder hyperfokale Fokussierung gedacht.

Bei dem gezeigten Modell handelt es sich bereits um die zweite Modellversion aus den Baujahren zwischen 1933 und 1937. Im Gegensatz zu den späteren Modellen besteht der Kamerabody aus Metall und noch nicht Bakelit.

Der einfache selbstspannende Zentralverschluss bietet Verschlusszeiten von Bulb – Time – 1/25 – 1/50 – 1/100. anbot wurde ein dreilinsiges Voigtar verbaut. Das kleine Loch war für die Nadel des Nadelfernauslösers, welcher an einem Faden befestigt werden konnte.

Die Fokussierung erfolgt über die Angabe in Metern oder einfacher über die 3-Punkte-Fokussierung in Portrait, Gruppe oder Landschaft. Bei der Blende handelt es sich im Gegensatz zum ersten Modell der Brillant nicht mehr um eine einfache Lockblende auf einem Blechstreifen, sondern um neun Blendenlamellen, welche stufenlos von Blende 6.3 bis 22 verstellbar sind.

Das rote Kontrollfenster für den Filmtransport befindet sich am Kameraboden und entspricht nicht mehr den Markern von heutigem Rollfilm. Daher wurde die Position bei späteren Modellen der Brillant bereits geändert. Da die Modelle über ein Zählwerk verfügen ist dies aber nicht weiter von Bedeutung. Das Zählwerk muss nach dem laden des Films auf die Bildnummer „1“ mittels einer Schiebetaste zurückgestellt werden. Manchmal ist der Mechanismus vom Zählwerk oder das vom Rollfilm angetriebene Rad etwas schwergängig. Da Zählwerk von Objektiv und Verschluss komplett getrennt ist, kann man wirklich schnell mit etwas Graphit Öl Abhilfe schaffen, etwas was man sonst bei Kameras unbedingt unterlassen sollte.

Zurück zur Eingangsfrage „Masse oder Klasse?“. Ob wie hier beim zweiten Modell mit einem dreilinsigen Voigtar oder späteren Modell mit Skopar oder Heliar. Betrachtet man jüngere Massenkameras aus dem Kleinbildbereich mit Fixfokus und Plastiklinse der 90er Jahre bin ich mir sicher, dass sich das Ergebnis einer weitaus älteren Brillant durchaus sehen lassen kann. Auch hier kommt es letztlich nicht auf die Kamera an, sondern wer sich dahinter, oder im Falle einer Brillant, 28cm über dem Sucher befindet, denn dies ist der angegebene optimale Abstand für den Suchereinblick.

Weitere Testfotos unter flickr: https://flic.kr/s/aHsmXdDtSX

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